Sprungbrettbohrer
Neulich, beim Debriefing: "Also, ich hab ihn da mal eher mit 40 Prozent bewertet." - "Dann ist das ein ganz klarer Reject." - "Und was geben wir ihm dann mit auf den Weg für die nächsten Runden?" - "Also, ich würde sagen, so offen, wie er ist, kommt er gut rüber, das gefällt mir. Aber an seiner Personal Effectiveness muss er noch ziemlich arbeiten, mehr angreifen."
Der "klare Reject" heißt Marc-Philipp, seine Bewerter bleiben anonym: Es sind die Recruitment-Partner der Unternehmensberatungsfirma Bain & Company, die den Absolventen einer Elite-Wirtschaftsuni gerade scheitern lassen: Aus der Traum vom einflussreichen Job als Unternehmensberater. Marc-Philipp landet später auf einem Platz zweiter Wahl bei einer Frankfurter Großbank. Für seine drei MitabsolventInnen Diana, Steffi und Thomas geht die Steilkarriere dafür wie geplant weiter: Nach der Elite-Uni schaffen die High Potentials den Sprung zu den ganz Großen der Beraterbranche - "Absolute Beginner", stets begleitet vom "Kleinen Fernsehspiel".
Was dabei herauskommt, ist das Porträt einer berufsständig organisierten Sekte im Zustand ständiger Selbstüberschätzung. Mittzwanziger beraten doppelt so alte Senior-Manager. Zweifel oder gar ein "Ich weiß nicht weiter" kommen nicht vor. Zur Not hilft der Rückzug aufs einschlägige Instrumentarium der von allen akuten Krisen abgekoppelten Branche: Während des Booms macht man in Mergers & Acquisitions. Wenn später die Blase geplatzt ist, berät man eben die Konzentration aufs Kerngeschäft. Und wenn gar nichts mehr klappt, zur Not auch die Insolvenz.
"Es ist doch besser, wenn ich 1.000 Leute entlasse und die Firma weitermachen kann, als wenn der ganze Laden zugemacht wird", sagt irgendwann Diana, als sie wieder einmal nach einem zwölfstündigen Arbeitstag in einem der identisch aussehenden Nobelhotelzimmer auf dem Bett sitzt. Ihr Freund ist auch Unternehmensberater, das hilft. Und wenn doch Zweifel kommen? "Letztlich müssen wir doch die Perspektive des Unternehmers einnehmen."...
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